Sonntag, 12 Mai 2013 13:43

Urner im Jubiläumsrausch: Nati-A-klassig

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Nationalliga B: HSG Siggenthal/Vom Stein Baden – HC KTV Altdorf 27:33

Emotionen, grossartige Fankulisse, Gänsehaut pur, NLB-Meister-Goldmedaillen – dies sind einige der Highlights des Saisonschlussspiels vom Samstagabend. Phantastischer Empfang vor dem Telldenkmal in Altdorf.

Was die Handballer des HC KTV Altdorf am Samstagabend in die Sporthalle in Obersiggenthal zauberten, war begeisternd. Zwar liessen sie erkennen, dass ihr Nervenkostüm einige Risse aufwies. Dies hielt sie indessen nicht davon ab, einen souveränen Sieg im letzten Qualifikationsrundenfight zu landen. Einmal mehr übrigens dank einer hochkarätigen Schlussphase.

Die Gastgeber, unter dem Zepter des Ex-Altdorfer-Topskorers Peter Szilagyi (Coach) von der Aargauer Spielerbank aus magistral orchestriert, verstanden es während weiter Phasen der von rund 450 Zuschauern verfolgten Partie – allein gut und gerne 250 Urschweizer waren mit Cars und Privatfahrzeugen angereist und zauberten eine tolle Ambiance in die Halle – heizten den Innerschweizern mit druckvollem und wirbligem Spiel, das durch die Unparteiischen Brunner/Salah souverän geleitet wurde, tüchtig ein. Spätestens zur Pause, bei einer 16:15-Führung der KTV-Truppe, wusste Letztere, was zu „tun“ war, denn der gleichzeitige stattfindende Match zwischen Direktverfolger und (Auch)-Titelanwärter Suhr/Aarau sowie Möhlin lautete zugunsten der Erstgenannten (16:14 – später mit vier Toren Differenz von Suhr/Aarau endend, das nun die Barrage gegen den NLA-Vorletzten GC/Amicitia Zürich bestreitet). Die Altdorfer konnten also bereits zum erwähnten Zeitpunkt kaum auf Schützenhilfe aus Möhlin rechnen. Sollte der Direktaufstieg Realität werden, musste gegen Siggenthal ohne Wenn und Aber ein Punktegewinn angestrebt werden. Getragen von einer genialen Urner Sportler/innen-Kulisse, die Ränge in Gelb/Schwarz, mit Fahnen und Lärminstrumenten jeglicher Art sowie gar Gesichtsbemalungen besetzend, pushten die Fans ihr Team mit unermüdlichem Einsatz – oft war das eigene Wort in der Halle nicht mehr vernehmbar! – zum Erfolg.

Gelb-schwarz, soweit das Auge reicht. Foto: Ruedi Ammann Einzug im Cabriolet; im „Führerstand“ Emilio Baldini (links) und Markus Brand. Foto: Ruedi Ammann   Bereits vor dem Match viel Zuversicht verbreitet. Foto: Ruedi Ammann

Nervenflattern hinterliess Spuren

Niemand verargte es den Altdorfern, dass sie in Anbetracht der Bedeutung des Spieles zum Auftakt der Begegnung eine gehörige Portion Nervosität erkennen liessen. Sie manifestierte sich in ungewöhnlich zahlreichen technischen Unzulänglichkeiten (einige Bälle wurden den Platzherren buchstäblich in deren Hände gespielt) sowie unkonzentrierten Abschlussversuchen.

Den Torreigen eröffnete Spielertrainer Daniel Brack. Doch schon im Gegenzug setzten die Aargauer zwei Penaltys in die Maschen Marcel Luthigers, der indessen mehrmals mit ausgezeichneten Paraden seine Aufwartung machte. Eine Doublette der Marke Jost Brücker sowie erneut Brack führten in der 6. Minute zum 4:4. Dreimal in Folge markierten die Gastgeber umgehend ihre unverkennbaren Intentionen (4:7). Nach Ablauf der ersten Viertelstunde hatte die KTV-Truppe ihren kurzen Durchhänger weggesteckt: Brücker, Christoph Piske sowie Lukas Huwiler (zweimal) waren für das 8:8 besorgt. Sehenswert verlief in der Folge der KTV-Sturmlauf. Innerhalb von 11 Minuten führte dieser zu einem Vier-Tore-Vorsprung – Altdorfs Sieg schien sich vorzeitig abzuzeichnen. Denkste… Siggenthal liess auf sein Lebenszeichen nicht warten. Einige Ungereimtheiten im Altdorfer Kollektiv bestraften die Aargauer kaltschnäuzig. Zur Pause war die Urner Reserve auf eine mickrige Länge zusammengeschrumpft. Sehr zur Genugtuung des sich ebenfalls phonstark bemerkbar machenden Anhangs der Platzherren. Altdorfs künftiger Trainer/Coach Burkhard Keller ortete in seiner Zwischenbilanz eine ansprechende Leistung des HC KTV Altdorf. „Sie muss indessen klar optimiert werden, wollten wir siegreich aus der temporeichen Partie hervorgehen“, lautete sein Fazit.

Ausgelassene Feier im Feuerwerknebel vor dem Telldenkmal. Foto: Ruedi Ammann Fahnenträger Lukas Huwyler und Konsorten. Foto: Ruedi Ammann

Erneue Vier-Tore-Reserve, HSG-Reaktion – und ein Tollhaus

Eine Topparade Luthigers, ein Treffer von Sebastian Munzert sowie eine Doublette Piskes (innerhalb von nur mal gerade 30 Sekunden erzielt) prägten die Auftaktphase zum zweiten Spielabschnitt. Doch das Aufatmen der KTV-Fans hatte buchstäblich kurze Beine: Bis zur 48. Minute kämpften sich die Platzherren auf 24:23 heran. Ein Hitchcock-Finale war damit definitiv eingeläutet. Kühlen Kopf bewiesen in der Folge Tizian Dossenbach, Huwiler, Brack sowie Ivan Fallegger (je zweimal). Innerhalb von 8 Minuten schraubten sie das Skore auf 30:24. Auf der Gegenseite steigerte sich die KTV-Abwehr (im Tor agierte zwischenzeitlich Nicolas Stocker, mit einigen sehenswerten Paraden brillierend), so dass Siggenthal immer wieder auf Urner Granit biss. Für die letzten vier Treffer der Saison 2012/13 zum finalen 33:27 waren seitens des KTV Martin Betschart (zweimal), Brack sowie Fallegger besorgt.

Was in der Folge in der Sporthalle Obersiggenthal abging, war beeindruckend: Die Fans des HC KTV Altdorf stürmten auf das Parkett, um ihre zwischenzeitlich Nati-A-klassige Truppe überschwänglich zu feiern. Nachdem Beat Wernli, Präsident der Swiss Handball League, den Altdorfern die wohlverdienten Meistermedaillen zum Aufstieg in die höchste nationale Stärkeklasse überreicht und zum Erfolg gratuliert hatte (Wernlis Sentenz zum Schweizer Handballsport: „Im Handball gibt es glücklicherweise keinen Hooliganismus. Man kann die Partien mit der ganzen Familie geniessen, ohne sich um irgendwelche Begleiterscheinungen Gedanken machen zu müssen. Ein Handballspiel ist immer ein überschaubarer und dynamischer Event, man ist nahe am Geschehen, und jeder Zuschauer in der Halle ist ein gerngesehener Gast. Dass der Handball lebt, zeigt auch die Zuschauer-Statistik: In dieser Saison verzeichnen wir erstmals seit mehreren Jahren wieder mehr Fans auf den Rampen.“) war die Halle fest in der Hand der entfesselten „Uristiere“. Der kaltgestellte Champagner wurde noch auf dem Spielfeld entkorkt, der Erfolg gebührend gefeiert und schliesslich Richtung Urnerland disloziert. Dort ging eine besondere Feierstunde vor dem Telldenkmal Altdorf ab, die durch Entertainer Hansruedi von Matt kurzfristig generalstabsmässig inszeniert worden war und zu einem echten Highlight – vor rund 350 Kiebitzen – mutierte (siehe Kasten).

Der BSV Stans sicherte sich dank des 32:24-Sieges gegen Chênois Genf den Klassenerhalt. Die NLB-Ranglistenspitze: 1. Altdorf 45 Punkte +139, 2. Suhr/Aarau 43 +127. 3. Endingen 38. - Tabellenende: 11. Stans 19, 12. Solothurn/Grauholz 16, 13. Biel 16, 14. Horgen 15.

Altdorf spielte mit: Marcel Luthiger, Nicolas Stocker; Sebastian Munzert (3), Jost Brücker (5), Martin Betschart (2), Dave Zürcher, Christian Bär (Kapitän), Ivan Fallegger (5), Daniel Brack (6), Thomas Mohenski (2), Kevin Ledermann, Tizian Dossenbach (1), Lukas Huwiler (4). Christoph Piske (5).

Die grosse Gratulationstour; rechts aussen Joe Herger. Foto: Ruedi Ammann Entfesselter Uristier-„Schwinger“ in der Siggenthaler Handballarena: Simon Jauch. Foto: Ruedi Ammann Meister-Goldmedaillenübergabe von Beat Wernli (SHV; links der zurücktretende Coach Predrag Ceko. Foto:Ruedi Ammann Geburtstagskind Migi Müller als „Fähndler“ vor dem Tell-Monument Foto: Ruedi Ammann.

Von Cabriolets, Trychlern, Gratulationen und Hurragesängen

Ein Fähnchenmeer von gelbschwarzen Urner Emblemen und einer veritablen grossen Flagge - geschwungen durch Geburtstagskind (und Vorstandsmitglied) Migi Müller - hiess die erfolgreiche Mannschaft, herbeichauffiert durch ein halbes Dutzend speziell herausgeputzte Cabriolets und begleitet von einer Gruppe Attinghauser Trychler (Leitung: Ruedi Zurfluh) vor dem Telldenkmal willkommen. Als erste Gratulantin meldete sich – mit dem Matchball des unvergesslichen Abends in Händen – Gemeindepräsidentin Christine Widmer Baumann zu Wort. Es brauche ein gerütteltes Mass an Disziplin und Können, um einen derartigen Erfolg überhaupt feiern zu können, befand die Sprechende, dabei speziell Spielertrainer Daniel Brack und Coach Predrag Ceko ein Kränzlein windend, ohne dabei den engagierten Vereinsvorstand mit Stefan Arnold („Stiege“) und Marco Lauener sowie Markus Brand an der Spitze, den übrigen engagierten Vorstand und das gesamte Handballteam zu vergessen. Widmer (in Begleitung von Gemeinderat Urs Kälin) überbrachte die Gratulationen der Altdorfer Behörden und der Einwohnerschaft, nicht ohne auch eine Anerkennung in Aussicht zu stellen.

Marlies Rieder, als Landratspräsidentin und somit „ranghöchste Urnerin“, liess es sich nicht nehmen, die Gratulationen von Regierungs- und Landrat des Gotthardkantons zu überbringen. Sie appellierte an die Führung des HC KTV Altdorf, alle Akteure und Fans, den eingeschlagenen Weg unbeirrt weiterzugehen, auch wenn jetzt neue anforderungsreiche Aufgaben auf den Verein warten. Rieder gab sich zuversichtlich, dass auch ein kleiner Fisch im grossen Teich durchaus bestehen könne, wenn weiterhin engagiert zur Sache gegangen werde. Vereinschef Stefan Arnold freute sich über das Erreichte, ausgerechnet im Jahre des 50-jährigen Vereinsjubiläums, und dem nun realisierten Aufstieg – nach genau 12 Jahren NLB-Zugehörigkeit. „Wir wollen uns den Herausforderungen stellen und freuen uns, in Altdorf Spitzenhandballsport mit prominenten Teams präsentieren zu können“. Der Dank des Sprechenden galt den zahlreichen Sponsoren und Gönnern, ferner dem grossartigen Publikum, das dem Höhenflug der KTV-Truppe zu Gevatter stand.

Selbstverständlich liess es sich der scheidende (Erfolgs-) Spielertrainer Daniel Brack nicht nehmen, einige Reminiszenzen zum Besten zu geben und zu unterstreichen, dass er in Altdorf ein „tolles Umfeld“ vorgefunden habe und auf eine ausgezeichnete Zeit in der Innerschweiz zurückblicke, „ein grosses Verdienst des kompetenten Vereinsvorstandes“, wie Brack betonte, um seinen Mitspielern für ihren genialen Einsatz während der letzten Monate gleichzeitig zu danken. Zu Worte meldeten sich schliesslich Mannschaftskapitän Christian Bär sowie sein Assistent Marcel Luthiger. Vorstandsmitglied Markus Brand, der so manchen „heissen Draht“ bei der Verpflichtung wichtiger Spieler mit viel Herzblut gezogen hatte, entzündete anschliessend ein kleines Feuerwerk.

Mit dem Song: „We are the Champions“ sowie einer nochmaligen Ovation an die Adresse der grossen Fangemeinde wurde die Meisterfeier am Fusse des Telldenkmals beendet, bevor die Cars, just eine Stunde vor Mitternacht, zur letzten Station des denkwürdigen Tages, dem Hotel Krone in Attinghausen, rollten. Unnötig zu erwähnen, dass Meisterfeier und Aufstieg in die Nationalliga A bis in die frühen Morgenstunden hinein dauerten… ar.

Sebastian Munzert erzielt gegen Siggenthal den 13:11-Führungstreffer. Foto: Ruedi Ammann   Das Erfolgsteam des HC KTV Altdorf feiert den grossen Tag respektive Meilenstein. Foto: Ruedi Ammann Attinghauser Trychler eröffneten die grosse Feierstunde auf dem Altdorfer Rathausplatz. Foto: Ruedi Ammann Entertainer Hansruedi von Matt interviewt KTV-Mannschafts-Kapitän Christian Bär. Foto: Ruedi Ammann

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